Das Selbst verteidigen – Zivilcourage mit Wissen

Selbstverteidigung beginnt damit, gefährliche Situationen schon im Vorfeld zu vermeiden und gar nicht in eine solche zu geraten. Wer einen solchen Moment zur Vermeidung jedoch verpasst, der kann unter Umständen dazu gezwungen sein, sich auch körperlich mit der Situation auseinanderzusetzen. Doch selbst wenn man versucht, sich selbst zu retten, ist ein gewisses Maß an Zivilcourage erforderlich, um nicht aus Angst in einer Schockstarre zu verharren.

Zivilcourage bedeutet, im richtigen Moment so viel Verstand und Vernunft einsetzen zu können, dass einem selbst oder einem Mitmenschen aus einer ausweglosen Situation herausgeholfen werden kann. Wichtig dabei ist jedoch, keine unnötigen Risiken einzugehen und nicht selbst rechtswidrig zu handeln, denn in diesem Fall drohen einem selbst behördliche Konsequenzen. Hierzu ein Beispiel:

Mitten in der Nacht gehen sie von der Nachtschicht nach Hause und sehen in ein paar Metern Entfernung, wie eine Person auf eine andere zu geht und versucht, sie zu bedrängen. Anstatt hier auf den Angreifer zuzustürmen und ihn zu verprügeln (das würde ihn im schlimmsten Fall nämlich nur noch aggressiver machen), ist Geschicklichkeit gefragt. Einfach aus ein paar Metern Entfernung „Hey Schatz“ zu rufen und weiter auf das Opfer (nicht den Angreifer) zuzugehen, kann den ein oder anderen Angreifer bereits in die Flucht schlagen ohne sich körperlich auseinandersetzen zu müssen. Außerdem macht es Sinn, vielleicht davor schon die Polizei zu informieren, wenn die Situation eindeutig als gefährlich erkannt wird; denn wenn es wirklich zu einer Auseinandersetzung kommt kann die Polizei diese bereits mitverfolgen und schneller reagieren, da auch sie die Gefahr erkennt.

Ganz egal ob es sich um Fremde oder Freunde handelt, die angegriffen werden: Zivilcourage erfordert ein gewisses Geschick, um sich nicht selbst auch noch in Gefahr zu bringen. In solchen Situationen weiß man schließlich nie ob der Angreifer bewaffnet ist. Und wenn doch, und es ist offensichtlich erkennbar, dann ist es besser, im Hintergrund zu bleiben und die Polizei zu informieren. Wenn der Täter sein Opfer angreift und im Anschluss verschwindet, besteht immer noch eure Pflicht zur Hilfeleistung. Auch Erste Hilfe ist Zivilcourage.

Rechtliche Besonderheiten

In Österreich ist die Sachlage so geregelt, dass grundsätzlich jeder Bürger verpflichtet ist, Erste Hilfe zu leisten, wenn die Situation dies erfordert (§ 95 StGB). Die Unterlassung der Hilfeleistung ist mit einer Haft- oder Geldstrafe bedroht. Das Ausmaß der Hilfeleistung ist jedoch nicht geregelt; wer also keinen Lehrgang besucht hat, und die Rettung ruft, dem wird ebenfalls Erste Hilfe angerechnet. Jedoch wird von niemandem verlangt, sich bei der Hilfeleistung selbst in Gefahr zu begeben. Wenn also ein LKW verunglückt, der Gefahrgut transportiert, und plötzlich Unmengen an Flüssigkeit verliert, sollte man unbedingt Abstand halten und lediglich Rettung und Polizei informieren.

Zudem sollte man in Fällen, in denen von Notwehr (§ 3 StGB) Gebrauch gemacht wird, darauf achten, dass diese nicht überschritten wird. Gewalt darf mit entsprechender, verhältnismäßiger Gegengewalt abgewendet werden. Jedes darüber hinausgehende Maß birgt jedoch das Problem, dass man selbst wegen Körperverletzung angezeigt werden kann. Zivilcourage bedeutet also nicht einfach nur zu helfen, wenn es erforderlich ist, sondern auch zu wissen, was man in solchen Situationen eigentlich tun darf; und bis zu welchem Grad.

Zivilcourage und Selbstverteidigung erlernen

Manchen liegt sie im Blut, andere müssen sie erst an sich entdecken und wieder andere bilden sie sich einfach selbst aus. Mut und Zivilcourage kommt zu Tage, wenn wir und in einer unerwünschten (gefährlichen) Situation sind, die unsere Auswege einschränkt. In diesen Momenten müssen wir uns diese Auswege schaffen. Doch bevor es zu einer Auseinandersetzung kommt gibt es einige Geschehnisse, die erst in einer Kettenreaktion zu dieser Gefahrensituation führen.

Das Verkennen durch mangelnde Wachsamkeit

Eine bedrohliche Situation kommt auf uns zu und wir erkennen sie erst, wenn es zu spät ist und wir direkt mit ihr konfrontiert sind. Dem können wir vorbeugen, indem wir schon im Vorfeld unsere Umgebung scannen. Eine Gruppe unheimlich wirkender Menschen kommt auf mich zu? Ich wechsle lieber die Straßenseite. Ich merke, wie Schritte von hinten immer schneller auf mich zu kommen? Ich renne lieber ein paar Meter. Die Situation abzuwenden, bevor sie uns erreicht ist der erste Schritt der Selbstverteidigung.

Zu frühes physisches Eskalieren

Wenn mir ein bedrohlich wirkender Mensch gegenüber steht, bedeutet dies noch lange nicht, dass er mich auch angreift. Wer jetzt schon anfängt nach ihm zutreten oder zu schlagen, dem droht eine Anzeige und eine Gerichtsverhandlung, denn Notwehr ist hier auf Grund des fehlenden Angreifens des Gegenübers nicht gegeben. Lediglich das Gegenüber hätte jetzt das Recht, von Notwehr gebrauch zu machen. Bevor man sich körperlich verteidigt sollte man auf jeden Fall verbal das Gegenüber darauf hinweisen, Abstand zu halten oder einen in Ruhe zu lassen. Erst wenn er darauf nicht reagiert oder nicht locker lässt sollte der Körper eingesetzt werden.

Was danach geschieht

Man hat sich erfolgreich verteidigt und den Angreifer in die Flucht geschlagen. Egal zu welcher Zeit und egal welche Termine man gehabt hätte, der nächste Weg ist der zur Polizei. Dort wird Anzeige erstattet und der genaue Tathergang festgehalten. Entscheidend ist vor allem, wann die körperliche Gewalt zur Verteidigung unvermeidbar war.

Diese drei Punkte gelten auch dann, wenn ein Mitmensch angegriffen wird und ich ihm zur Hilfe eilen kann. Auch das Abwenden von Gewalt an einem Dritten gilt in Österreich als Notwehr.